Gemeinsam Verantworten im Zeitalter der Bewusstseinsseele

von Roland Schulze-Schilddorf

Wie werden unsere Kinder einmal ihr Zusammenleben gestalten? Werden sie die Sozialformen akzeptieren, die wir ihnen hinterlassen? So, wie ich die Kinder und Jugendlichen heute erlebe, gehe ich davon aus, dass sie selbst über sich bestimmen wollen und sich auf den Weg machen werden, möglichst viele hierarchische Strukturen zu überwinden. Sie werden damit die Aufgabe haben, neue Formen des sozialen Miteinanders zu entwickeln.

Wie wollen wir uns als Schulen dieser Entwicklung stellen? Gibt es die Möglichkeit, dass wir uns als Kollegium auf den Weg machen zu neuen Methoden im gemeinsamen Gestalten, dass wir zukunftsweisende Wege finden, wie wir die Schule gemeinsam verantworten können?

Selbstverwaltung ohne Hierarchien?

Bei der konsensorientierten Moderation handelt es sich um eine Methode, die eine Struktur ersetzen kann. Ein simples Beispiel: Die Musiklehrerin hat die Not, dass ihr Raum oft fremdbenutzt wird und sie ihn fast täglich erst einmal in seinen Urzustand versetzen muss, bevor sie mit der Unterrichtsvorbereitung beginnen kann.

Die Konferenzleitung hat als erstes die Aufgabe, mit der Kollegin persönlich zu sprechen, um sich gemeinsam vorzubereiten. Es wäre sinnvoll, dass alle Menschen, die dieses Thema betrifft oder betreffen könnte, in der Konferenz anwesend sind, und sei es vertretungsweise. Somit hat man die Menschen mit den größtmöglichen Kompetenzen versammelt.

In der Konferenz erhält als erstes die Musiklehrerin das Wort. Sie stellt dar, wie oft und in welchem Umfang das Problem in der Vergangenheit aufgetreten ist und schildert eine oder zwei konkrete Situationen. Dabei kommen sowohl die Fakten zur Sprache, als auch die dabei entstandenen Empfindungen. –

Das weckt bei manchem die Befürchtung, dass es nun unsachlich wird. Die Antwort lautet: Ja, es wird unsachlich, denn Sachlichkeit ist nur bei Sachen angebracht, im Umgang mit Menschen brauchen wir Menschlichkeit. Nur haben wir im Allgemeinen keine Moderationswerkzeuge, um mit Empfindungen und Emotionen umzugehen, und scheuen sie deshalb. In unserem Beispiel gehen wir jedoch von einer geschulten Moderationspersönlichkeit aus, die in der Lage ist, Emotionen und Vorwürfe, die geäußert werden, so aufzugreifen, dass sie sich nicht gegen jemanden richten, sondern Teil der Beschreibung werden.

Dabei handelt es sich um die Moderationsmethode des Reframing (siehe unten). Neben der Klärung von faktischen Verständnisfragen ist es nun wichtig, der Schilderung mit Empathie zu begegnen, was man vielleicht mit einem Satz wie diesem ausdrücken kann: »Da kommen Sie bestimmt ganz schön in Stress, wenn Sie noch die Instrumente stimmen müssen.« – Gegebenenfalls schildern auch die anderen Mitnutzer des Musikraums ihre Nöte.

Dies ist ein entscheidender Schritt der Moderation, denn die betroffenen Kollegen nehmen wahr, dass ihre Anliegen ernst genommen werden, und sie werden im Folgenden ihre Empfindungen nicht mehr einwerfen müssen. Sie sind davon frei und können sich Lösungen zuwenden. Gleichzeitig bekommen die anderen Teilnehmer ein Bewusstsein von der Situation der Betroffenen, losgelöst vom eigenen Empfinden. Über dieses Mitempfinden begibt sich die ganze Konferenz in eine Haltung, die von Bewusstsein getragen ist, und jeder klärt für sich die emotionale Ebene, die ja ansonsten stets unbewusst mitschwingt. Damit ist ein Grundstein gelegt für den weiteren Verlauf des Gespräches. Außerdem wird durch das Erkennen der Not jeder verbindlich in den Prozess einsteigen und gleichzeitig in Zukunft achtsamer mit dem Musikraum umgehen.

Wenn wir als Konferenz in die Zukunft blicken, sind wir es nicht nur gewohnt, auf offene Fragen mit möglichst guten Vor- und Ratschlägen zu reagieren, sondern auch rasch zu urteilen. Mit beidem stehen wir einem Konsens im Wege. Denn jeder Vorschlag verlangt von den anderen, Position zu beziehen: »ja«, »ja, aber« und »nein« führen zu endlosen Diskussionen, die oft nur durch einen Mehrheitsentscheid oder die Delegation von Verantwortung zu beenden sind.

Daher wäre zukunftsweisender, erst einmal zu fragen: »Was wollen wir mit unserer Lösung erreichen? Welche Qualität soll in ihr leben? Welche Voraussetzungen braucht die Kollegin, um gut arbeiten zu können?« Die Bedürfnis- bzw. Interessenebene ist angesprochen. In unserem Beispiel könnte das heißen, dass die Kollegin stets einen ordentlichen und sauberen Raum vorfinden soll, dass man der Kollegin einen Tagesbeginn zuspricht, der es ihr möglich macht, ganz für die Schüler da sein zu können, dass die Eigenverantwortung jedes einzelnen im Umgang mit den Räumen gestärkt werden soll usw. So werden gute Impulse und Motive zusammengetragen, die sich nicht widersprechen, sondern zusammen einen satten Strauß ergeben. »Und wie können wir das nun erreichen?«

Diese Frage wird in einem Brainstorming Ideen freisetzen. Durch die Haltung, die im Vorfeld aufgebaut wurde und durch die offene und zugleich zielgerichtete Frage werden sich schnell tragfähige Lösungen entwickeln. Sind es mehrere unterschiedliche, so wird es notwendig, jeder einzelnen mit Bewusstsein zu begegnen. Dies erreicht man am besten dadurch, dass zunächst für die erste Lösung klärt, welche Chancen darin stecken. den blick nur drauf und auf nichts anderes. Kein Vergleichen, kein wenn und aber. So verbinden sich alle Teilnehmenden mit dieser möglichen Lösung. Dann wird in derselben Art geschaut, welche Aufgaben damit verbunden wären. So verfährt man auch mit den weiteren Lösungen. Mithilfe dieser Methode weichen Polaritäten und Standpunkte auf oder verschwinden ganz, die Teilnehmenden können sich nun in der Regel mit allen Lösungsvarianten verbinden. Nun wirft man den Blick auf die Aufgaben: wer übernimmt welche? Sofern bei einer Lösung alle Aufgaben ergriffen werden, ist sie möglich, wenn nicht, dann nicht.

Nun wird eine Einigung gut möglich. Sollte es dennoch einen Kollegen geben, der mit der von vielen favorisierten Lösung nicht mitgehen kann, empfiehlt es sich, seine Bedenken als Beitrag zu einer nachhaltigen Lösung ernst zu nehmen und sie aufzugreifen: »Welche Möglichkeiten gibt es, auch dieses Problem zu integrieren?«

Grundsätzlich wird bei dieser Art der Lösungsfindung nicht polarisiert, da jeder ja an den verschiedenen Lösungen mitgearbeitet hat, also auch an der von ihm weniger favorisierten, sodass man einer Lösung zustimmen kann, selbst wenn man sie nicht favorisiert. Sie ist auch ein Mittel gegen die informelle Macht, die in Konferenzen von verschiedenen Kollegen mehr oder weniger bewusst ausgeübt wird. Denn es geht nicht um die Frage, ob ich meinen Vorschlag durchbringen kann, sondern ob wir eine gute Lösung finden. Und dabei kann geschicktes Taktieren nicht helfen, sondern nur authentisches Auftreten. Es kann der kurze Beitrag eines zurückhaltenden Kollegen den entscheidenden Ausschlag geben.

In einer so gestalteten Konferenz muss man keinen Verhaltenskodex finden oder Fehlverhalten sanktionieren. Vielmehr wird sich in jedem Konferenzteilnehmer mehr Bewusstsein für sich selbst und jeden anderen bilden. Dies wird enorme Folgen für das Unterrichten, ja jeden Umgang mit Schülern und Eltern haben.

Weil man die persönliche Ebene geklärt hat, man sich nicht mehr konfrontativ gegenübersteht, sondern die Gemeinschaft im gemeinsamen Bick auf die Fragen eine Schale bildet, hat der Geist die Möglichkeit wahrgenommen zu werden.

Einen solchen Prozess brauchen gerade die Themen, welche mit Bewusstsein durchdrungen werden müssen. Das kann im einen Fall die Gestaltung der Fastnachtsfeier sein, in einem anderen kann es um die Gehaltsordnung gehen. Immer dann, wenn unterschiedliche Auffassungen sich so breit machen, das sich Konflikte anbahnen, ist es eine Aufforderung zur Bildung eines gemeinsamen Bewusstseins. Themen, die verstandesmäßiger Natur sind, können delegiert werden, ohne dass etwas verloren ginge.

Die Erfahrung zeigt, dass gemeinsam verantwortete Entscheidungen eine Energie freisetzen, die unabhängig von der Konferenz weiter wirkt und Bestand hat. Wird die Umsetzung an Einzelne delegiert, sind diese nicht nur formal, sondern auch von dieser Kraft im besten Sinne des Wortes bemächtigt, sie durchzuführen.

Zunächst scheint dieses Verfahren mehr Zeit in Anspruch zu nehmen, mittelfristig jedoch hat es großes Potenzial. Achten Sie einmal darauf, wie viel Zeit in Konferenzen damit verbracht wird, die jeweilige Position zu erklären, wie viel Energie regelmäßig gebraucht wird, um Scherben aufzulesen und zu reparieren. Diese Zeit und diese Kraft werden zur Verfügung stehen. Und gleichzeitig wird man sich im Kollegium wacher wahrnehmen, achtsamer miteinander umgehen und eigene Schwierigkeiten oder Konflikte schneller ansprechen, weil man Methoden nutzt, dank derer man sich in der Arbeit menschlich begegnet.

Zusammengefasst könnte das so aussehen:

  • Voraussetzung: Schulung des gesamten Kollegiums
  1. Sammeln der Bedürfnisse, Fakten, Empfindungen
  2. Besprechbar machen, beispielsweise anhand des „Reframens“
  3. „Was wollen wir erreichen?“
  4. Daraus Lösungen entwickeln
  5. Die Lösungen abgleichen mit Schritten 1 und 3
  6. Umsetzungsdelegation
  7. Rückbericht

Diese Art der Moderation kann bei pädagogisch-konzeptionellen, vor allem aber auch bei Schulführungsfragen hilfreich sein. Alle Kollegen können sie lernen und üben. Ohne fachkundige Schulung wird es nicht gehen, da verschiedene Moderationsmethoden gebraucht werden und es für ungeübte Moderator/-innen allerhand Stolpersteine gibt, die man oft im Alltag nicht erkennt und dennoch zu spüren bekommt.

In einer so gestalteten Konferenz muss man keinen Verhaltenskodex finden und Fehlverhalten sanktionieren. Vielmehr wird sich bei jedem/r Konferenzteilnehmer/in Bewusstseinsseele bilden. Dies wird enorme Folgen für das Unterrichten, ja jeglichen Umgang mit Schülern und Eltern mit sich bringen. Zunächst scheint dieses Verfahren mehr Zeit in Anspruch zu nehmen, mittelfristig jedoch hat es großes Potential, da man sich nicht ständig mit Reibereien aufhält, sondern inhaltlich gestaltet. Und nicht zuletzt wird man viel öfter delegieren, denn man wird merken, dass es nur ganz bestimmte Themen sind, welche das Plenum brauchen. Man wird sich im Kollegium wacher wahrnehmen, achtsamer miteinander umgehen und eigene Schwierigkeiten oder Konflikte schneller ansprechen, weil man Methoden hat, mit denen man sich in der Arbeit menschlich begegnet.

Reframing – in einen neuen Rahmen setzen

„Ihr habt mich alle im Stich gelassen“ – So macht die Musikkollegin dem übrigen Kollegium einen Vorwurf, gegen den sich innerer Widerstand regen wird. Fragt nun die Moderation: „Sie fühlten sich also mit dem Problem allein?“, wird die Kollegin mit großer Sicherheit mit „Ja“ antworten. Sie erlebt sich nicht nur verstanden und wird entspannter werden, sondern das Kollegium kann nun viel eher mitempfinden, wie es der Kollegin ging, da sie über sich selbst spricht. – Aus dem „Vorwurfs-Rahmen“ ist ein „Ich-Botschafts-Rahmen“ geworden – der Inhalt ist derselbe geblieben.